Last Updated on 12. November 2022 by Henning Schweer

Hochschullehre findet immer im Kontext von Vorwissen statt: Erwachsene und damit auch unsere Studierenden besitzen einen Fundus an Vorwissen, Vorerfahrungen und auch Vorurteilen, wenn sie unsere Lernangebote nutzen und mit neuen Lerninhalten konfrontiert werden. Lernen vollzieht sich also immer als Folge- und Anschlusslernen. Inhalte werden in der Regel nur verinnerlicht, wenn sie mit bekannten Dingen in Verbindung gesetzt und mit bestehenden Wissensbeständen verknüpft werden können.

Diese Verknüpfung kann eine grundlegende Umgestaltung der Wissensbestände des Lernenden bewirken, dies ändert jedoch nichts daran, dass Menschen mit Lerninhalten nichts anfangen können, zu denen sie keine solche Verbindung aufbauen können. Zugleich ist Lernen immer ein interessengesteuerter Prozess und diese Interessen unserer Studierenden müssen nicht mit unseren Interessen als Lehrende deckungsgleich sein. Einige Studierenden sitzen vielleicht nur ihren Pflichtschein bei uns ab, andere nutzen unser Lernangebot freiwillig aus Interesse am Thema oder weil der beste Freund das Seminar auch besucht oder weil der Dozent bzw. die Dozentin ganz gut sein soll oder im Wunschseminar kein Platz frei war oder jemand hat gesagt, dass Thema sei für den späteren Beruf wichtig oder… oder… oder… 

Solche unterschiedlichen Interessen führen zu jeweils anderen Lernprozessen, schon allein deshalb, weil dadurch die Studierenden den Lerninhalten ganz verschiedene Bedeutungen zumessen. Es macht aus meiner Sicht keinen Sinn, als Lehrender gegen diese unterschiedlichen Zuschreibungen anzuarbeiten. Viel sinnvoller ist es, die unterschiedlichen Interessen seiner Studierenden anzuerkennen und so zu versuchen, möglichst viele mit dem Lernangebot mitzunehmen.

Hochschullehre Vorwissen
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Vorwissen in die Hochschullehre einbinden

Für Deine Planung folgt aus der Bedeutung des Vorwissens zunächst: der Sprung zwischen dem bestehenden Wissensniveau des Lernenden und dem gewünschten Niveau darf nicht zu groß sein, da die Lernenden ansonsten nicht folgen können. Einfach gesagt: jemand der noch nie mit Mathematik in Berührung gekommen ist, wird mit der Laplace-Gleichung nichts anfangen können, sondern nur für ihn sinnlose Zeichen sehen. Mit dem entsprechenden mathematischen Vorwissen wäre es für ihn dagegen möglich, die Gleichung zu verstehen und in seinen schon bestehenden Wissensbestand zu integrieren und mit diesem sinnvoll zu verknüpfen. Bei so großen Wissenssprüngen ist uns dieser Zusammenhang eingängig. Aber Komplikationen beim Lernen stellen sich schon bei geringeren Abständen ein.

Für uns Dozenten ist es oft schwer zu erkennen, wie viel wir als bekannt voraussetzen können und wie schwer der Integrationsprozess des neuen Wissens für die Studierenden in ihren Wissensbestand ist. Schließlich haben wir diesen bereits geleistet und verfügen über ein weit größeres Wissen als unsere Studierenden. Somit neigen Dozenten oft dazu, die Verknüpfungsleistung zu unterschätzen. So wundern wir uns beispielsweise, warum die Studierenden zum Lesen eines wissenschaftlichen Textes über zwanzig Minuten brauchen, während wir bei der Vorbereitung mit fünf bis zehn Minuten geplant hatten. Dabei haben wir vergessen, dass das Lesen solcher Texte ebenfalls erlernt werden muss, wir die Fachtermini bereits kennen und das Hintergrundwissen besitzen, um die Fakten des Textes schnell einordnen und verstehen zu können.

Um solche Pannen zu vermeiden, sollten wir uns bei der Planung also immer fragen, wie viel wir voraussetzen können und wo wir gezielt Informationen nachreichen müssen, um das Verständnis der Studierenden zu fördern. So kann es etwa in einem historischen Seminar sinnvoll sein, vor dem Lesen eines Textes kurz die zentralen Punkte der dort behandelten Epoche zu wiederholen oder einfach eine Karte der historischen Staatenlandschaft an die Wand zu projizieren. Die hierfür aufgewendete Zeit holt man im Anschluss leicht wieder rein, da die Textarbeit den Studierenden durch diese Hilfestellung leichter fällt.

Hochschullehre Vorwissen
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Sorgfalt auf die Erhebung von Vorwissen verwenden

Wir sollten also bereits im Vorfeld möglichst viel Sorgfalt auf die Erhebung des individuellen Vorwissens und der vorhandenen Interessen der Studierenden verwenden. Viele Informationen bekomme ich schon, wenn ich mir die vorgegebenen Stundenpläne, die Anmeldungen und die Prüfungsordnungen anschaue. Auf diese Weise kann ich viele Fragen bereits klären: habe ich Studierende aus verschiedenen Fachbereichen? Habe ich Studierende im Haupt- oder Nebenfach oder beides? Welche Anforderungen werden an diese verschiedenen Gruppen durch die Prüfungsordnungen gestellt? Gibt es unterschiedliche Fachkulturen? Wie weit sind die Studierenden jeweils in ihrem Studium? Wie alt sind sie? Welche Veranstaltungen haben die Studierenden i.d.R. vor meiner besucht? Usw.

Diese Methode ist aufwendig, aber je mehr ich im Vorfeld über meine Studierenden weiß, umso besser kann ich mein Lernangebot auf sie anpassen. Die Arbeit zahlt sich am Ende aus, zumal so viele Konflikte im Vorfeld erkannt und entschärft werden können, die gar nicht direkt mit dem inhaltlichen Thema zusammenhängen, zum Beispiel, wenn es Konflikte zwischen zwei Fachbereichen um die Zuteilung von Seminarplätzen gibt.

Diese Erhebung der Interessen der Teilnehmenden sollte zu Beginn des Semesters noch einmal mit einer Befragung im Rahmen des Lernangebotes wiederholt werden, damit die individuelle Situation mit dem entwickelten Lehrplan abgestimmt werden kann. Bei kleinen Seminaren kann man z.B. hierzu eine Anfangsrunde machen, bei größeren Veranstaltungen oder digitalen Angeboten empfehlen sich kurze Fragebögen / Online-Abfragen zu den Interessen am Seminar und einer Einschätzung zum eigenen Vorwissen.

Mancher Dozent mag an dieser Stelle einwenden, dass er oder sie auf die Ausgestaltung der Lehrangebote kaum Einfluss hat. Gerade bei vielen Übungsangeboten und Lehrveranstaltungen in sog. „Paukfächern“ wie Medizin, Jura, BWL aber auch in den Naturwissenschaften ist der individuelle Gestaltungsraum durch universitäre Vorgaben begrenzt. Trotz allem lohnt es sich meiner Ansicht nach, sich über seine Studierenden ein Bild zu machen.

Selbst wenn ich ein von mir dadurch vorhergesehenes Problem auf Grund von Sachzwängen nicht völlig aus der Welt schaffen kann, kann ich den Lernprozess schon dadurch positiv beeinflussen, dass ich es erkennen, ansprechen und diskutieren kann. Bereits solche Kleinigkeiten beeinflussen den Lernprozess der Teilnehmenden positiv, da sie sich ernst genommen fühlen und im Zweifel Gründe für ihre Probleme erläutert bekommen, die ihnen vielleicht gar nicht bewusst waren.

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus meinem Ratgeber: Tipps für die Hochschullehre: wie Sie gute Lehre planen, umsetzen und nachbereiten. Er ist als eBook und als Printausgabe im Buchhandel und online erhältlich.

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