Last Updated on 19. Dezember 2023 by Henning Schweer

Auch nach über zwei Jahren ist die Corona-Pandemie nicht überwunden. Die Infektionszahlen und die Belastung des Gesundheitssystems sind weiterhin hoch. Die Pandemie und ihre Folgen bleiben somit unverändert aktuell. Welche Lehren können und sollten wir vor diesem Hintergrund aus den vergangenen zwei Jahren ziehen? Welche Schwerpunkte sollte die Gesundheitspolitik setzen, damit wir auf künftige Krisen dieser Art besser vorbereitet sind? Fünf Punkte sind hier aus meiner Sicht von besonderer Bedeutung.

Es braucht strategische Reserven für den Krisenfall

Während der Corona-Pandemie war ich mehrere Monate teil eines Krisenstabes bei einem großen Pflegeunternehmen. Eine der Erfahrungen, die ich dabei besonders ernüchtern fand, war die Erkenntnis, dass es in Deutschland für den Notfall offenbar keinerlei staatliche Bevorratung an Schutzausrüstung gab. Mit dem Zusammenbrechen der Lieferketten aus Asien brach auch die Versorgung mit Schutzausrüstung und vielen Medizinprodukten zusammen. Die über Jahre aufgebaute Abhängigkeit von Lieferungen außerhalb Deutschlands und der EU erwies sich als fatal.

Hier braucht es künftig dringend eine nationale und europaweite Planung und Bevorratung, die eine Versorgung der kritischen Infrastruktur mit Schutzausrüstung sicherstellt. Zugleich müssen eigene Produktionskapazitäten in Deutschland und Europa aufgebaut bzw. erhalten werden. Es kann nicht sein, dass die gerade aufgebauten Produktionsstätten bei uns wieder einzugehen drohen, weil die öffentliche Hand Ausschreibungen für Schutzausrüstungen erneut nur an den billigsten Anbieter vergibt, der in der Regel in Asien sitzt.

Corona-Pandemie
Tima Miroshnichenko at Pexels

Die Digitalisierung im Gesundheitswesen muss vorangetrieben werden

Ähnlich fatal wie die fehlenden Reserven an Schutzausrüstung erwies sich in der Corona-Pandemie die über Jahrzehnte verschlafene Digitalisierung im deutschen Gesundheitswesen und der Verwaltung. Nicht einmal in einem kleinen Bundesland wie Hamburg war mit Ausbrauch der Pandemie ein geregelter Datenaustausch mit und zwischen den verschiedenen zuständigen Ämtern möglich. Ein Wirrwarr aus Mails, unterschiedlichen Exceltabellen und Faxen bei der Meldung von Infektionszahlen und der Nachverfolgung von Infektionsketten war die Folge.

Es zeigte sich ein Dickicht aus Medienbrüchen und fehlenden Schnittstellen zwischen Ämtern, Kassen, ärztlichen und pflegerischen Versorgungsstrukturen, welches wertvolle Zeit auf Seiten der Ämter und des Pflegepersonals verschlang. Hier muss es gelingen, in den kommenden Jahren eine einheitliche digitale Infrastruktur aufzubauen, die einen schnellen, datensicheren und nach einheitlichen Standards funktionierenden Datenaustausch ermöglicht.

Die Krisenprävention und der Bevölkerungsschutz müssen gestärkt werden

Deutschland war und ist auf Krisen nicht ausreichend vorbereitet. Die Corona-Pandemie hat in meinen Augen gezeigt, dass weder Politik noch Gesellschaft über ein ausreichendes Bewusstsein verfügen, wie auf solche Ereignisse angemessen reagiert werden sollte. Stattdessen wurden Probleme zu lange wegdiskutiert, ignoriert oder ausgesessen. Dabei ist die Pandemie nicht völlig unerwartet über uns gekommen. Aus den Erfahrungen insbesondere der asiatischen Länder aus der SARS-Epidemie Anfang der 2000er und der H1N1-Grippe-Pandemie 2009 hätte sich frühzeitig viel für künftige Pandemien lernen lassen.

Auch aus den jetzigen Erfahrungen anderer Länder ließen sich Best-Practice-Beispiele für eine künftige Krisenplanung und den Bevölkerungsschutz ableiten. Stattdessen waltet hier aus meiner Sicht weiter westliche Ignoranz und Arroganz, die lieber auf abschreckende Beispiele autoritärer Staaten zeigt, als etwa von den Demokratien in Asien zu lernen. Hier müssen wir dringend unsere unangemessene Selbstgefälligkeit überwinden. Wir brauchen nationale und europaweite Planungen für künftige Pandemieereignisse. Zudem müssen wir auch in der Bevölkerung ein stärkeres Bewusstsein dafür schaffen, wie in Krisensituationen zu reagieren ist und diese Reaktionen dann auch einfordern.

Der Fachkräftemangel und die Folgen des demografischen Wandels müssen angegangen werden

Die Corona-Pandemie hat die Folgen des Fachkräftemangels und des demografischen Wandels für die gesundheitliche Infrastruktur schonungslos offenbart. Auch dies ist aus meiner Sicht ein Thema, das über Jahrzehnte ignoriert oder nur zögerlich angegangen wurde. Dabei trifft uns der Fachkräftemangel nicht unerwartet. Es ist längst klar, dass die Kombination aus einer immer größeren Gruppe älterer Menschen und einer immer weiter schrumpfenden Gruppe an Berufstätigen das Versorgungssystem sprengen wird.

Deutschland hat sich hier zu lange damit begnügt, die Arbeitsmärkte seiner Nachbarstaaten leer zu ziehen und dort dringend benötigtes medizinisches und pflegerisches Personal abzuwerben. Hier muss sich die Politik ehrlich machen: zum einen werden steigende Löhne und die Verbesserung von Arbeitsbedingungen in den kommenden Jahren weiter massiv steigende Kosten im Gesundheitssystem verursachen, auf die es Antworten braucht. Zum anderen werden sich die bestehenden Versorgungsstrukturen angesichts der demografischen Entwicklung der kommenden Jahre nicht halten lassen, selbst wenn es gelingt, mehr Personen in den Pflegeberuf zu bringen.

Die Zahl der pflegebedürftigen Menschen wird durch die Alterung der Bevölkerung einfach zu groß und die Zahl der Erwerbstätigen einfach zu klein sein. Hier wird es neue Konzepte zu Personalschlüsseln und Versorgungsformen geben müssen, die auch mit weniger Personal eine gute Versorgung gewährleisten.

Pflichtdienst Hände zusammen
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Die fehlende Solidarität mit den ärmeren Ländern gefährdet uns alle

Eine aus meiner Sicht besonders deprimierende, wenn auch nicht ganz unerwartete, Erkenntnis in der Pandemie war die fehlende Solidarität der reichen Industrienationen mit den ärmeren Regionen der Welt. Bei der Bestellung und Verteilung der Impfstoffe zeigte sich deutlich, dass die reichen Länder der Welt sich selbst am nächsten waren und sind. Selbst aktuell werden noch Impfstoffkontingente eher vernichtet, als für eine global gerechte Verteilung zu sorgen.

Dabei ist bei einer weltweiten Pandemie klar, dass nur eine weltweite, ausreichende Versorgung mit Impfstoffen eine dauerhafte Eindämmung möglich machen wird. Zugleich würde eine solche Strategie die Gefahr neuer aggressiverer Virusvarianten deutlich reduzieren. Hier muss es gelingen, jetzt und in Zukunft zu einer global gerechten Verteilung von Impfstoffen, aber auch Schutzausrüstung und Medikamenten zu kommen.

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